Die Gier nach Papier – Paper Passion

Dieser Artikel erschien ursprünglich im Duft-Tagebuch, am 11.09.2012.

 

Es rauscht schon seit geraumer Zeit im Blätterwald. Ein Parfum, das nach frischgedruckten Büchern duften soll, ist für alle Nicht-Nischenduft-Fans natürlich eine kleine Sensation. Entsprechend fasziniert wurde in der Presse darüber geschrieben. Die ZEIT ließ sich zur Schlagzeile „Schatz, du riechst nach Pappkarton“ hinreißen, die Süddeutsche kam gleich mit zwei Artikeln um die Ecke. Spätestens seit Lisa Kirks Tränengas- und Brennende-Reifen-Duft „Revolution“, dem einen oder anderen Schmorplastikduft aus der Synthetic-Serie von Comme des Garçons und nicht zuletzt den kreativen Ergüssen „Sécrétions Magnifiques“ von État Libre d’Orange wird wohl kaum ein Nischenduftkenner von Konzeptdüften schockiert sein.

 

Ich muss gestehen, dass ich sehr gespannt war, was bei diesem Konzeptduft herauskommt. Mit Geza Schön wurde ohne Frage ein namhafter Parfumeur gefunden. Karl Lagerfeld wurde beim weißen Schopfe gepackt und mit ins Boot geholt. Der gute Lagerfeld hat in einem Punkt Recht: „Wer Jogginghosen anzieht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Ob seine Duftkreationen bislang Glanzlichter seines Schaffens waren, steht auf einem anderen Blatt, jedenfalls war er für die Gestaltung des Buches zuständig. Ein Buchduft braucht einen Verlag, so erschien „Paper Passion“ im renommierten Steidl-Verlag, als Buch, mit ISBN und allem drum und dran. Auch das hat mich gefreut, schätze ich doch den Steidl-Verlag sehr wegen der dort aufgelegten Werke des isländischen Literaturnobelpreisträgers Halldór Laxness, der zu meinen absoluten Lieblingsautoren zählt. Auch der in letzter Zeit durch seine Gedichte in den Fokus gerückte Nahost-Experte und Zwiebelhäuter Günter Grass veröffentlicht seine Werke in diesem Hause.

 

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Das Buch-Parfum kommt in einem unscheinbaren grauen Karton. Öffnet man diesen, findet man das Buch in rotes Papier geschlagen vor. Eine Papiermanschette mit der Aufschrift “FOR BOOKLOVERS” adressiert dieses Buch an die Gemeinde der Bibliophilen. Das Buch selbst weist einen festen Einband in weißem Leinen auf, schwarze Kapitalbändchen zieren den Buchblock, welcher durch die Wahl roten Papiers ungeöffnet den Eindruck eines Rotschnitts erweckt. Schlägt man das Buch auf, beginnt es auf hellem Papier mit dem Vorwort von Karl Lagerfeld, gefolgt von einem Gedicht von Günter Grass, sowie einem Vorwort von Geza Schön und einem weiteren des ebenfalls beteiligten Wallpaper*-Chefredakteurs Tony Chambers. Hat man diese hinter sich gelassen, beginnt der rote Teil des Buches, das Herzstück. Eine flakonförmige Aussparung in den Seiten ermöglicht erst das Versteck des Flakons. Irgendwie erinnert mich diese Idee an versteckte Flachmänner oder das Pistolengeheimfach eines Top-Agenten – mit all dem dazugehörigen Yps-Charme.

 

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(Bitte entschuldigt die mäßige Qualität dieser selbstgeschossenen Bilder). Nun aber endlich zum Duft! Für einen kleinsten Augenblick meint man Blüten zu vernehmen, doch sogleich macht sich ein satter Papiergeruch breit. In der Tat riecht dies nicht nach dem typisch krautig-vanilligen antiquarischen Papierverfall, sondern nach einem Buch, das man gerade aus der Folie genommen und zum ersten Mal aufgeschlagen hat. Zu dem breit aufsitzenden Papiergeruch kommen scharfe, aber auch ozonisch-chemische Noten, die durchaus an Druckerfarbe oder eine Klebebindung denken lassen. Eine kleine Spitzfindigkeit: ich habe meine Nase auch in die Packung, also ins Buch selbst gesteckt – dieser Vergleich liegt nahe. Das Buch riecht – wie soll es auch anders sein – authentischer nach Buch, süßlicher, beinahe wie Milch mit vertrocknetem Getreide.

 

Ich bin vom Gesamtkonzept wirklich begeistert. Der Duft kommt einem frischgedruckten Buch durchaus nahe. Zum Vergleich: Comme des GarçonsOdeur 53“ (siehe Rezension hier) dürfte vielleicht der nächste Nachbar dieses Duftes sein, ohne ihm aber direkt zu ähneln. Ich bin der Meinung, dass ich dieses Buch für meine Sammlung brauche, wie seht Ihr das?

 

Bibliophile Grüße
von
Harmen

 

PS: Die Idee der duftenden Bibliothek ist nicht ganz neu: Von Amouage gibt es die Library Collection mit an Buchrücken erinnernden Verpackungen. Fallen Euch sonst noch Buch-Düfte ein?